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Zeitschrift Mitten in der Welt


Vorwort Die Zeitschrift „Mitten in der Welt“ ist eine Publikation der Gemeinschaften Charles de Foucauld und hat die Verbreitung der Spiritualität Bruder Karls im deutschsprachigen Raum zum Ziel.
Jedes Heft enthält Artikel zu einem Themenschwerpunkt und Berichte aus den einzelnen Gemeinschaften aus aller Welt
Das Besondere und die „Stärke“ der Zeitschrift – die Themen werden nicht nur theologisch beleuchtet, vor allem äußern sich Menschen zu ihrer persönlichen Erfahrung, zu ihrem Weg mit Gott und der Welt.
Sie erscheint viermal im Jahr zum Jahrespreis von 13,50 € + Versandkosten, Einzelhefte kosten 3,75 € + Versandkosten.

Bestelladresse
(auch für ältere Hefte)
Bernhard Löhlein
Händelstr. 57
D-85057 Ingolstadt
tel. +49-(0)841-4 62 73
e-mail: bl3212@bingo-ev.de

Auszüge aus dem laufenden Heft:

Genug der Gier
Heft 190, Frühjahr 2010


 Editorial

Das Thema
 Keiner darf verloren gehen - Ein Appell von Caritas-Präsident Peter Neher
 Meinung: Die menschliche Gier - Eva Peteler, Mitglied bei "attac", Würzburg

Charles de Foucauld damals und heute
 Politisches Handeln: gängige Verhaltensmuster ablegen




Rückblick


189: Erfüllter Leben ohne Gott?
188: Rassismus im Alltag
187: Kirche bewegt sich - wohin?

Vorschau


191: Die Welt in Gott finden
192: Dunkle Nächte der Seele























192: Dunkle Nächte der Seele

Vorschau

Der christliche Mystiker Johannes vom Kreuz beschreibt die innigste Verbindung mit Gott als "dunkle Nacht". Er meint damit: Gott entzieht sich dem Erkennen des Menschen, um ihn auf einen Weg der Läuterung und Reifung zu bringen. Es geht darum, diese "Nacht" auszuhalten und zu durchleben, um sich letztendlich mit Gott in Lieber zu vereinigen.
Mag diese Vorstellung eines Mystikers aus dem 16. Jahrhundert manchem fremd erscheinen, das Durchleben und Durchleiden der "Nächte" dürfte vielen Menschen wohlbekannt sein. Schwermütigkeit oder gar Depression sind weit verbreitet, damals wie heute. Auch Charles de Foucauld kannte solche dunklen Nächte. Seine Misson bei den Muslimen blieb ohne Erfolg. Seine eigenen, hohen Erwartungen konnte er kaum erfüllen. Erst als er bereit war, Hilfe von Fremden anzunehmen, hat sich bei ihm etwas gelöst.
Depression sei die "Volkskrankheit Nummer Eins", ist immer wieder in den Medien zu lesen und zu hören. Trotzdem gilt sie im privaten Bereich oft immer noch als Tabu. In "Mitten in der Welt" möchten wir uns offen mit dem Thema auseinandersetzen. Sie sind herzlich eingeladen, an dieser Ausgabe mitzuarbeiten und Ihre Meinungen und Erfahrungen einzusenden. Bitte schicken Sie Ihre Texte an Bernhard Löhlein, Schriftleitung "Mitten in der Welt", Händelstraße 57, D - 85057 Ingolstadt. Oder per E-mail: bl3212(at)bingo-ev.de. Abgabetermin für Heft 192 ist der 30. August 2010.

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191: Die Welt in Gott finden

Vorschau

Auf der einen Seite der allmächtige Gott, auf der anderen die Welt, die er geschaffen hat - beide voneinander getrennt. Diese Ansicht spiegelt ein Weltbild wider, das auch bei Gläubigen anzutreffen ist. Hier und da meinen wir, Gottes Spuren in der Welt zu entdecken. Doch um das Wesen der Welt zu verstehen, müssen wir den Spieß umdrehen: die Welt findet nur zu sich, wenn sie sich in Gott findet. Wir müssen versuchen, die Welt mit den Augen Gottes zu sehen.
Auch Charles de Foucauld war zunächst ganz auf Gott ausgerichtet. Am Ende seines Lebens hat ihn die Kontemplation dann zu den Menschen geführt.
In "Mitten in der Welt" fragen wir: Wie nehme ich die Welt wahr? Welche Konsequenzen ergeben sich, wenn wir die Trennung von Gott und Welt aufheben? Verändert dies dann auch die Beziehung zu meinen Mitmenschen?
Sie sind herzlich eingeladen, an dieser Ausgabe mitzuarbeiten und Ihre Meinungen und Erfahrungen einzusenden. Bitte schicken Sie Ihre Texte an Bernhard Löhlein, Schriftleitung "Mitten in der Welt", Händelstraße 57, D - 85057 Ingolstadt. Oder per E-mail: bl3212(at)bingo-ev.de. Abgabetermin für Heft 191 ist der 30. Juni 2010.

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190: Genug der Gier

Vorwort

Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier
Mahatma Gandhi


"FAIR TEILEN statt sozial spalten" - mit diesem Aufruf tritt im Vorfeld des Ökumenischen Kirchentags in München 2010 ein Netzwerk für einen Kurswechsel in der Wirtschafts- und Sozialpolitik ein. Ein Kurswechsel ist in der Tat notwendig. Die Krise, in die uns der Bankencrash weltweit geführt hat, ist die Folge einer nicht zu stillenden Sucht nach immer mehr Kapital gewesen. Und kaum scheint die Krise in ihren ersten Ansätzen überwunden zu sein, machen die Banken weiter, als wäre nichts geschehen.
Die Gier nach immer mehr fängt aber nicht bei den Managern an. Jeder von uns ist doch stets auf der Suche nach ein bisschen mehr. Hier ein Prozent mehr Rendite, da ein Schnäppchen mehr gemacht, dort ein Euro mehr gespart. Haben wir das rechte Maß verloren, kriegen wir denn nie genug? Was kann der einzelne in diesem System überhaupt tun, um sich dem Fallstrick immer größerer Begierden zu entziehen?
"Genug der Gier!" Mit diesem provozierenden Titel wollen wir aber auch Mut machen zu einem einfachen Lebensstil, bei dem Solidarität groß geschrieben wird. Ganz im Sinne eines Charles de Foucauld, der uns das vorgelebt hat.
Die vorliegende Ausgabe ist zugleich die erste in einem neuen Gewand: Klarer in der Struktur, frischer in der Aufmachung, näher dran am Leser.
Wir wünschen Ihnen viel Freude und gute Anregungen beim Lesen.
Bernhard Löhlein, Schriftleiter

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190: Genug der Gier

Keiner darf verloren gehen - Ein Appell von Caritas-Präsident Peter Neher

WIE IST DAS denn nun mit der spätrömischen Dekadenz in unserem Land, wie ein hochrangiger Vertreter der Bundesregierung vor kurzem diagnostiziert hat? Ist es dekadent, wenn die Politik dazu aufgefordert wird, die Grundlagen für ein menschenwürdiges Existenzminimum zu schaffen? Und das, weil die bisherige Berechnung der Regelsätze "freihändig" und "ins Blaue hinein" erfolgte, wie das Bundesverfassungsgericht feststellte? Leben wir wirklich in einer Zeit, in der Millionen von Menschen nur darauf aus sind, sich auf die faule Haut zu legen und sich ihren Lebensunterhalt allein vom Staat fi nanzieren zu lassen? Gleichzeitig führen wir Debatten darüber, ob es denn rechtens ist, Steuervergehen mit allen Mitteln des Rechtsstaates zu verfolgen! Ist es nicht eine verkehrte Welt, wenn jene, die wohlhabend sind, nicht zu begründen haben, woher ihr Reichtum stammt, während diejenigen sich rechtfertigen sollen, denen das Nötigste zum Leben fehlt?

Armut hat viele Gesichter
Armut hat viele Gesichter! Da denke ich an jenen Mann, der über 50 ist und arbeitslos und dem niemand mehr zutraut, dass er an einem neuen Arbeitsplatz Fuß fasst; ich denke an die Alleinerziehende, die keinen Arbeitsplatz annehmen kann, weil sie niemanden hat, der ihr kleines Kind während der Arbeitszeiten umsorgt; ich denke an das Kind, das am Morgen als einziges Familienmitglied in der Schule einer geregelten Beschäftigung nachgeht und ich denke an den Jugendlichen, der seine hundertste Bewerbung abgeschickt hat und auf die vorausgegangenen 99 nicht einmal eine Antwort bekam. Da sind Menschen, die als Flüchtlinge zu uns gekommen sind und noch immer keiner richtigen Arbeit nachgehen dürfen - geduldet, ausgegrenzt und ohne Perspektive für sich und ihre Familie in einem Land, auf das sie ihre Hoffnung gesetzt haben.
Dass das Thema Reichtum und Armut keine Randerscheinung unserer Gesellschaft ist, belegen einige wenige Zahlen. Nach dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2008 besitzen zehn Prozent der Deutschen 60 Prozent des Vermögens; allein das oberste Prozent verfügt über 23 Prozent des gesamten Vermögens. Und 27 Prozent der erwachsenen Bevölkerung hat überhaupt kein Vermögen oder ist verschuldet! Mehr als ein Drittel des monatlichen Gesamteinkommens in unserem Land geht an ein Fünftel der Bevölkerung - und das seit vielen Jahren. Über sieben Millionen Frauen und Männer leben in Hartz-IV-Haushalten und davon mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren. Und die Hälfte der Hartz-IV-Empfänger ist seit mehr als drei Jahren ohne Arbeit. Die meisten von ihnen ohne abgeschlossene Schul- und Berufsausbildung und damit ohne genügende Qualifikation.
Diese Frauen und Männer, Kinder und Jugendlichen leben mitten unter uns und doch gibt es kaum Kontakte mit ihnen. In einer Studie gaben 87 Prozent der Bevölkerung an, keinen armen Menschen im Familien- oder Freundeskreis zu haben. 13 Prozent der Befragten gaben an, dass sie noch nie mit einem armen Menschen Kontakt hatten. Gerade vier Prozent kennen einen wohnungslosen Menschen. Das macht Armsein in Deutschland aus. Natürlich nicht hungern müssen und ohne Gesundheitsversorgung wie in vielen Ländern. Armsein in Deutschland bedeutet, ausgegrenzt und oft auch Vorurteilen ausgesetzt zu sein. Jeder Schulausflug wird zum finanziellen Drama für die Eltern; Kinder gehen nicht zum Kindergeburtstag, weil sie kein Geschenk mitbringen können. Diese Lebensverhältnisse verfestigen sich und es gibt so gut wie kein Entkommen!

Ein Gräuel für den Gott der Bibel
"…eigentlich sollte es bei dir gar keine Armen geben", so steht es im Buch Deuteronomium (Dtn 15,4). Denn Armut und Benachteiligung sind für den Gott der Bibel ein Gräuel. Wie ein roter Faden zieht sich diese Haltung durch das Alte und Neue Testament. Alle Aussagen stimmen darin überein, dass die Sklaverei der armen und benachteiligten Menschen beendet werden muss. Die Schulden sind ihnen nachzulassen, damit sie wieder leben können. Diese Verfügungen klingen manchmal geradezu utopisch, wenn es beispielsweise im Buch Exodusheißt: "Sechs Jahre kannst du in deinem Land … die Ernte einbringen; im siebten sollst du es brach liegen lassen … Die Armen in deinem Volk sollen davon essen …" (Ex 23,10f ). Letztlich ist es immer eine von Gott gewollte gesellschaftliche Aufgabe, die Armut aktiv zu bekämpfen.
Der Zusammenhang ist eindeutig. Es soll keine Armen geben, "denn der Herr wird dich reich segnen in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt und das du in Besitz nimmst" (Dtn 15,4). Gott selbst ist es nämlich, der seinem Volk die Lebensgrundlagen schenkt. Wir alle verdanken sie ihm und deshalb ist es für ihn unerträglich, wenn eine kleine Gruppe für sich allein in Anspruch nimmt, was für alle gedacht ist. Deshalb ist auch die Warnung im Jakobusbrief an jene so scharf, die für sich defi nieren, wer zur Mitte zählt und wer zum Rand. "Noch in den letzten Tagen sammelt ihr Schätze. Aber der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben, der Lohn, den ihr ihnen vorenthalten habt, schreit zum Himmel; die Klagerufe derer, die eure Ernte eingebracht haben, dringen zu den Ohren des Herrn der himmlischen Heere." (Jak 5,3f )

Ausgrenzung überwinden
Die Enzyklika Populorum Progressio von Papst Paul VI. greift 1967 unter Verweis auf den Kirchenvater Ambrosius diese Tradition auf. "Es ist nicht dein Gut, mit dem du dich gegen den Armen großzügig erweist. Du gibst ihm nur zurück, was ihm gehört. Denn du hast dir herausgenommen, was zu gemeinsamer Nutzung gegeben ist. Die Erde ist für alle da, nicht nur für die Reichen." Und im gemeinsamen Wort der Kirchen von 1997 heißt es, dass die biblische Option für die Armen darauf zielt, "Ausgrenzungen zu überwinden und alle am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Sie hält an, die Perspektive der Menschen einzunehmen, die im Schatten des Wohlstands leben und weder sich selbst als gesellschaftliche Gruppe bemerkbar machen können noch eine Lobby haben." Klarer und eindeutiger geht es nicht!
Vor diesem Hintergrund können und dürfen wir uns als Christen nicht damit abfinden, dass die Schere zwischen denen, die materiell und mit Chancen gut ausgestattet sind und denen, die von beidem viel zu wenig haben, immer weiter auseinander geht. Jede und jeder hat etwas, das ihn wertvoll macht; wenn nicht materiell, so doch an Gaben, die eine Gesellschaft reich machen. Weil niemand nichts kann, darf keiner verloren gehen! Und deshalb darf es nicht länger sein, dass Deutschland noch länger zu den Ländern gehört, in denen die soziale Herkunft mit am meisten über die schulische und berufliche Zukunft eines Kindes entscheidet. Gerade bei Eltern und Kindern in prekären Lebensverhältnissen ist die Lust am Entdecken der Welt möglichst früh zu wecken. Längere Zeiten gemeinsamen Lernens können dazu ein Weg sein.
Faktisch sind Eltern die entscheidenden Bildungslotsen ihrer Kinder. Auf diese Aufgabe werden junge Menschen in ihrer eigenen Entwicklung aber oft nur wenig vorbereitet. Dies führt leicht zu überforderten Familien. Immer wichtiger werden deshalb frühe Hilfen. Junge Alleinziehende und Paare werden hier schon in der Schwangerschaft und nach der Geburt begleitet. Sie lernen, mit ihrem Kind Kontakt aufzubauen und es zu fördern. Denn nur wer sich selbst zu achten lernt, wird auch andere achten!
"Die Würde der Person und die … Gerechtigkeit verlangen", so Papst Benedikt XVI. in seiner im November 2009 erschienen Enzyklika "Caritas in veritate", "dass … die wirtschaftlichen Entscheidungen die Unterschiede im [Besitz] … nicht [weiter] … vergrößern und dass als Priorität weiterhin das Ziel verfolgt wird, allen Zugang zur Arbeit zu verschaffen und für den Erhalt ihrer Arbeitsmöglichkeit zu sorgen." Die Schere zwischen Armen und Reichen geht immer weiter auseinander. Damit alle Kinder die gleichen Chancen haben, müssen vor allem die Familien gestärkt werden. Denn Arbeit bedeutet neben dem zum Leben notwendigen Geldverdienen, das Leben selbst aktiv zu gestalten; teilhaben können an der kulturellen Vielfalt einer Gesellschaft. Und deshalb muss es auch das Ziel sein, dass Menschen bei aller Würdigung der zahlreich entstandenen Tafelläden, nicht dauerhaft auf solche Hilfe angewiesen sind. Wir dürfen nicht schuldig werden, indem wir Parallelgesellschaften aufbauen.

Gott in den Armen begegnen
Vor dem Hintergrund unserer Gesellschaft und der biblischen wie kirchlichen Tradition ist der Einsatz der Kirche gegen Armut und soziale Ausgrenzung ein Gebot der Stunde. Wer das mit spätrömischer Dekadenz umschreibt, ist unanständig. "[Denn] wer bei Gott eintaucht, taucht bei den Armen auf." Dieser Satz des Theologen Paul Michael Zulehner gilt auch umgekehrt. Wer den Armen begegnet, begegnet Gott! Oder wie Papst Benedikt XVI. es in seiner Enzyklika "Deus Caritas est" formuliert, wird "fühlsam Gott gegenüber", entdeckt Gott in den Armen. Das ist Auftrag und Ermutigung zugleich.
Prälat Dr. Peter Neher
gelernter Bankkaufmann, katholischer Priester, Mitglied der Priestergemeinschaft Charles de Foucauld und promovierter Theologe, seit 2003 Präsident des Deutschen Caritasverbandes


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190: Genug der Gier

Die menschliche Gier - Gedanken zur Zeitenwende

"ER WAR EINMAL unvorstellbar schön, man nannte ihn den blauen Planeten, ein Juwel des Universums"; seufzt der Lehrer. Die Schüler starren auf ihre Monitore und schütteln ungläubig den Kopf. "Dann aber eroberte eine ganz eigene Art nach und nach alle Lebensräume dieses Planeten. Über Jahrtausende war diese Art ein Teil des harmonischen Ganzen und fügte sich in die Gesetze und Abläufe der Natur ein. Irgendwann geriet sie jedoch außer Kontrolle. Die tödliche Schwachstelle des genialen Intellekts dieser Art, das war die vernichtende Saat der GIER in ihrem Wesen. Wie ein zerstörerisches Virus breitete sie sich bei vielen aus und entfesselte schließlich eine Katastrophe. Danach war auf diesem wunderbaren Planeten Erde nichts mehr wie zuvor - für alle."
"G-I-E-R??", richten sich die erstaunten Augen der Schüler auf den Lehrer.
"Gier bedeutet, sich niemals zufrieden zu geben mit dem, was man hat und was man ist. Immer misst man sich am anderen; einer ist immer reicher, mächtiger, schöner, angesehener, beliebter... Die Gier wird niemals satt und schreit unablässig: Mehr, mehr, mehr! Trotz ihrer Überlegenheit also hatte diese Spezies wohl einen für den ganzen Planeten todbringenden Defekt. Schade!"

So oder ähnlich könnte eine Geschichtsstunde irgendwo im Universum des dritten Jahrtausends unserer Zeitrechnung beginnen.

Wir kultivieren die Gier
Wir sehen die Zeichen, wir deuten sie - und halten dennoch verbissen an unserem Lebensstil fest. Ja, wir leben über unsere Verhältnisse, wir plündern den Planeten für unseren hohen Lebensstandard, aber wir weigern uns beharrlich, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Gehört es nicht zur ersten Bürgerpfl icht, eine kultivierte Gier zu zelebrieren und dem Mantra des "Konsum bringt Wachstum, bringt Wohlstand, bringt Glück" zu folgen?
Das bedrohlichste aller Hauptlaster, die Gier, war schon immer da, seit der Mensch gelernt hat, sich an dem euphorisierenden Gefühl der Überlegenheit über den Mitmenschen zu berauschen. Seit er die Pfade der Genügsamkeit verlassen hat und seit Stärke, Begabung, Besitz nicht mehr als Verpflichtung und Beitrag zum kollektiven Wohl verstanden werden, wurde die Gier zur Tugend der Dominanz und des Erfolges geadelt. Zur grenzenlosen, entfesselten Hochkultur haben sie allerdings erst die letzten Jahrzehnte gebracht.
Sie und ich werden es entrüstet von sich weisen, Täter dieses Lasters zu sein. Das sind immer die anderen, die Entscheidungsträger, die Politik, die Konzerne. Und dennoch können sich die wenigsten von uns freisprechen, wenn sie sich und den eigenen Lebensstil dem Gedanken von Epikur stellen:
"Nichts genügt demjenigen, dem das, was genügt, zu wenig ist."
Was "genügt" denn zu einem guten Leben? Was "genügt" mir?
Ist das Mehr an Haben oder Darstellen auch ein Mehr an erfülltem Sein?
"Bevor man etwas brennend begehrt, sollte man das Glück dessen prüfen, der es bereits besitzt", hat es Francois de La Rochefoucauld klug formuliert.

Höre auf die Stimme deiner Sehnsucht
"Die Gier ist immer das Ergebnis einer inneren Leere", so Erich Fromm, mithin "der seelische Antrieb zur Behebung eines Mangelerlebens" (Wikipedia). Unser ungezügeltes, unmäßiges Verlangen nach Erfolg, Ansehen, Macht, Besitz, Konsum, Jugend, Beliebtheit etc. entlarvt uns also als Mängelwesen, als Opfer einer ungestillten Sehnsucht?
Ja, Mensch, halte die Stille aus und horche der Stimme dieser tiefsten Sehnsucht. Du erkennst schmerzlich, wie die heutige Art zu leben die Entfremdung von deinen heilsamen Lebensgrundlagen beschleunigt und in der Tat eine unerträgliche Leere entblößt.
Wir leiden Mangel, wir verdursten und verhungern, weil wir unsere Wurzeln gekappt haben und sie zusammen mit den Tugenden der Demut, Einfachheit, Solidarität und Gerechtigkeit entsorgt haben auf der Müllhalde "Fortschritts"-feindlicher Nostalgie.
Warum folgen wir willenlos den Lockrufen und den Maßstäben des "Zeitgeistes"? Wir füllen unseren heilbringenden Platz auf dieser Erde nicht aus und verstecken uns hinter rechtfertigenden Hinweisen auf unsere Ohnmacht. Wir beten nicht um die Quelle, die unsere Wurzeln wieder speist und sie zum Leben erweckt.
In Stein gemeißelt sind nicht mehr die universal gültigen Gebote Gottes, die ein gelingendes Zusammenleben aller auf diesem Planeten möglich machen könnten, sondern die Gesetze des Marktes, also des Gewinns, des Wettbewerbs und der Effi zienz. Der Wert des Individuums bemisst sich an seiner Verwertbarkeit als "Humankapital".
Das Goldene Kalb Mammon hat viele Kinder zur Welt gebracht: Ihre Namen sind Wachstum, Konsum, Märkte und viele mehr. Die Herde wächst; wer wird sie im Zaum halten? Denn über Futter verfügt sie reichlich. Es sind die ungezügelte Gier, die Begehrlichkeiten des globalen Zugriffs auf Profit und Macht.
Milliarden von Mitmenschen, die um nichts anderes kämpfen, als ihre Familie diesen einen Tag durchzubringen, sind die ersten unschuldigen Opfer - und letztlich wir alle.
"Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht genug für jedermanns Gier", schreibt der törichten Menschheit Mahatma Gandhi ins Stammbuch. Und eine Prophezeiung der Cree an die Adresse des weißen Mannes lautet: "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr erkennen, dass man Geld nicht essen kann."

Aufbruch zu einer guten Zukunft
Es ist noch nicht zu spät. Überall auf der Welt formiert sich der Gegenentwurf einer zukunftsfähigen, solidarischen zivilen Gesellschaft. Denn der "kleine Mann" ist mitnichten schwach und machtlos, wenn er sich dazu nicht machen lässt. Nicht als Vasall der Begierden und der Manipulation im eigenen Leben und auch nicht als Dulder und Abnicker der großen globalisierten Gier.
"Viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten können mit vielen kleinen Schritten das Angesicht der Erde verändern", lautet ein afrikanisches Sprichwort. Wir stehen an einer für die ganze Schöpfung entscheidenden Zeitenwende. Wir können weiter weg schauen und zulassen, dass die tödliche Be-gierde ihr Werk vollendet oder wir können uns, jeder mit seinen Begabungen und seiner Bestimmung, gemeinsam auf den Weg der wirklichen Be-fried(ig)ung unseres Mangels, unserer Sehnsucht machen. Es wäre zugleich auch ein Aufbruch zur Wiedergewinnung unserer Selbstbestimmung und Würde - und zu einer guten Zukunft für alle.
Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir widerstandslos hinnehmen. Es liegt an uns, an jedem von uns.
Eva Peteler
Mitglied bei "attac", Würzburg

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190: Genug der Gier

Politisches Handeln: gängige Verhaltensmuster ablegen
Ludger Fest sieht die Wirtschaftskrise als Folge politischer Fehlentscheidungen

DAS THEMA erweckt bei mir - wen wundert es angesichts der derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise - hauptsächlich politische Assoziationen.
Als erstes fallen mir die Aussagen unserer Bundeskanzlerin und unseres Bundespräsidenten ein, die wiederholt behauptet haben, dass wir alle (!) über unsere Verhältnisse gelebt haben. Das ärgert mich maßlos, weil damit alle zu Verursachern der Krise gemacht werden. Als ob alle fröhlich mit ihrem Geld an den Börsen oder sonst wo spekuliert haben. Ein kritisches Hinterfragen der eigenen Politik der letzten Jahre (Deregulierung, Privatisierung, Liberalisierung in der Wirtschaft, einseitiges Fixieren auf die Exportweltmeisterschaft unter Vernachlässigung des Binnenmarktes, Stagnation der Gehälter, Einführung von Leiharbeit und Niedriglohn-Jobs, Absenkung des Rentenniveaus, Erhöhung der Mehrwertsteuer usw.) wird damit elegant umgangen. Darüber hinaus wird damit von der Frage abgelenkt, ob dieses Wirtschaftssystem noch sozial und menschenfreundlich ist. Die "Systemfrage" bleibt also hübsch außen vor.
Zweitens sollte auch nicht vergessen werden, dass durch die oben genannten politischen Entscheidungen die Menschen immer mehr gezwungen werden, auf den Cent zu schauen bzw. ihr Geld rentabel anzulegen, weil der Sozialstaat immer weniger ein ausreichendes Auskommen gewährleisten kann. Da kann man es doch keinem verdenken, wenn er sein Geld möglichst gut anlegen will. Zahlreiche Statistiken zum Thema "Verteilung der Vermögen in Deutschland" weisen außerdem aus, dass ein Großteil der Bevölkerung gar keine nennenswerten Rücklagen bilden kann, weil das Geld nicht ausreicht.

Auch wir müssen knapsen
Schaue ich meine Situation an, so wird mir deutlich, dass wir in einer vierköpfigen Familie mit einem Verdienst in vielen Punkten auch knapsen und "gierig" sein müssen, weil wir sonst nicht gut über die Runden kommen. Auch wenn ich momentan einen sicheren Arbeitsplatz habe, hatten wir doch in den letzten Jahren kaum mehr Geld zur Verfügung, da - wie bekannt - die realen Verdienste der Arbeitnehmer nicht nennenswert gestiegen sind. Außerdem wurde in unserer Firma durchgesetzt, dass die Mitarbeiter auf einen Teil ihres Lohnes verzichten, um wettbewerbsfähig zu sein. Da kann ich nicht wie früher immer wieder fair gehandelte Waren oder Bioartikel kaufen. Das geht dann nur im begrenzten Ausmaß.
In den letzten Jahren bin ich durch das regelmäßige Lesen verschiedener Internetseiten wie www.nachdenkseiten.de oder www.jjahnke.net "politisch aufgewacht", das heißt, ich habe immer mehr gemerkt, was alles bei uns in Deutschland schief läuft und nur dazu dient, Einzelinteressen zu bedienen bzw. das bestehende System zu stabilisieren, bei dem einige wenige gut auf Kosten vieler leben. Ich stelle zudem immer mehr fest, dass viele Menschen resignieren und dass das Interesse an Politik abnimmt, weil der Eindruck entsteht, man könne doch nichts ändern.
Um wenigstens etwas zu tun, bin ich der Ökologisch-Demokratischen Partei (ödp) beigetreten. Diese Partei ist - abgesehen von Bayern - bisher ohne großen politischen Einfluss. Mir gefällt aber an dieser Partei, dass sie gerade im Wirtschaftsbereich versucht, von der Fixierung auf das reine quantitative Wachstum abzukommen und ein qualitatives Wachstum anzustreben. Außerdem hat sie die ökologische-soziale Marktwirtschaft zum Ziel. Die anderen Parteien kommen für mich nicht infrage, da sie ja - mit Ausnahme der Linken - an der jetzigen Situation ihren Anteil haben und ich den Eindruck habe, dass dort nicht viel zu bewegen ist. Meine Hoffnung ist, dass auch kleine Parteien Einfluss auf die politische Gestaltung unseres Landes nehmen können, wenn sich nur genug Menschen auf die Suche nach Alternativen machen und ihre Resignation und Lähmung überwinden.
Mir ist bewusst, dass das nicht ausreicht und dass es noch andere Ansätze und Veränderungen braucht. Eigentlich muss auch neu darüber nachgedacht werden, ob ein System, das immer mehr Wachstum benötigt, um zu funktionieren, überhaupt zukunftstauglich ist, und wie Alternativen aussehen. Ich selbst habe noch keine endgültigen Antworten. Wichtig ist für mich, sich auf die Suche zu machen und nicht "hinter dem Ofen sitzen zu bleiben".

Ich erwarte neue Formen der Solidarität
Übrigens kann politisches Handeln auch so aussehen, dass man sich den gängigen Verhaltensmustern (z.B. immer und überall nur Konkurrenten zu sehen) entzieht und alternative Formen des Umgangs miteinander ausprobiert. Dazu muss man sich nicht in einer Partei engagieren.
Von den Kirchen erwarte ich, dass sie neue Formen der Solidarität anmahnen und leben und nicht wie "ein stummer Hund" zu allen diesen Entwicklungen schweigen. Wir als Freunde von Charles de Foucauld sollten wie er für die Schwachen und Benachteiligten eintreten und versuchen, ihre Realität soweit es geht an uns herankommen zu lassen und diese mit ihnen zu teilen. In Zeiten, in denen immer wieder versucht wird, die einzelnen gesellschaftlichen Gruppen gegeneinander auszuspielen (Arbeitslose gegen Arbeitsplatzbesitzer, Jung gegen Alt, Kranke gegen Gesunde) sollten wir als Christen ein waches Gespür für Gerechtigkeit und Anteilnahme haben. Daraus können dann - von Gottes Geist geführt - neue Aufbrüche geschehen, die das "Antlitz der Erde erneuern".
Ludger Fest
Bibliothekar in Mannheim, regelmäßiger Gast der Gemeinschaft Charles de Foucauld im Bistum Speyer

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189: Erfüllter Leben ohne Gott?

Das Vorwort liegt im Moment noch nicht digital vor

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188: Rassismus im Alltag

Vorwort

Gott schuf den Menschen als sein Abbild
( Gen 1, 27 )


Ein Jahr lang war der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff wieder einmal mit versteckter Kamera unterwegs. Verkleidet als Farbiger wollte er herausfinden, wie es sich als Schwarzer in Deutschland lebt, ob die Vorstellung vom unverbesserlich fremdenfeindlichen deutschen Wesen tatsächlich nur ein Klischee ist. Sein Fazit: "Der alltägliche Rassismus gehört zum deutschen Alltag fast so wie die rassistisch anmutenden Aussprüche von Politikern und selbst ernannten Meinungsführern, die mich immer wieder empört haben."
Die Idee, in eine fremde Haut zu schlüpfen, ist nicht neu: Schon vor über 100 Jahren tarnte sich Charles de Foucauld als Jude, um das damals für Christen unzugängliche Marokko zu erforschen. Auch er erfuhr am eigenen Leib, was es heißt, nur aufgrund seiner Volkszugehörigkeit, seiner Sprache oder seines Aussehens von anderen Menschen verachtet zu werden. Daran hat sich bis heute nichts geändert - weltweit und auch im deutschsprachigen Raum nicht.
So besuchte im Jahr 2009 der Sonderberichterstatter zu Rassismus der Vereinten Nationen, Githu Muigai, Deutschland und bemängelte bei Politik und Gesellschaft Defizite im Kampf gegen den Alltagsrassismus. In Deutschland werde immer noch Rassismus mit Rechtsextremismus gleichgesetzt und damit nicht ausreichend wahrgenommen. Ein ausführlicher Bericht soll 2010 vorgestellt werden.
So lange müssen Sie nicht warten: Ausführliche persönliche Berichte können Sie schon in den vorliegenden Texten nachlesen. Sie zeigen: Alltagsrassismus ist bei uns an der Tagesordnung. Versteckt, mitunter unbewusst, aber immer doch für die Betroffenen spürbar. Um sich dessen bewusst zu werden, müsste man tatsächlich einmal einen Tag lang "in den Schuhen eines anderen gehen". Vieles würden wir dann anders sehen und beurteilen.
Für die Redaktion: Bernhard Löhlein

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187: Kirche bewegt sich - wohin?

Vorwort

Fürchte dich nicht, du kleine Herde!
( Lk 22, 32 )


Wohin steuert das "Schiff Kirche?" Eine Frage, die in diesen Tagen aktueller denn je ist. Viele Gläubige in Deutschland sind unsicher geworden, welchen Stellenwert das 2. Vatikanische Konzil noch hat. Sie befürchten eine "Rückwärtsgang" der Kirchenspitze, nicht zuletzt wegen der bedingungslosen Aufnahme von Gesprächen mit der Piusbruderschaft. Eine Reihe von deutschsprachigen Theologen hatte deshalb in einer Petition die uneingeschränkte Anerkennung des Konzils gefordert. Über 54.000 Menschen aller Kontinente haben das Ansuchen inzwischen unterzeichnet. Doch die vatikanische Glaubenskongregation ist bisher nicht bereit, Petition und Unterschriften entgegenzunehmen. "Muss sie auch nicht", meint dazu der Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Der zweite Mann im Vatikan betont, dass Papst Benedikt XVI. fest hinter dem Konzil stehe. Gut zu wissen, aber die letzten Zweifel sind damit nicht vom Tisch.
Doch das ist keineswegs die einzige "Baustelle" des immer weiter zu renovierenden Kirchenschiffes. Einige Schlagworte: Der längst nicht mehr nur schleichende Auszug aus der Kirche, die sinkende Zahl von Gottesdienstbesuchern, die große Suchbewegung an der etablierten Kirche vorbei. Da könnte einem angst und bange werden, gäbe es da nicht ebenso die hoffnungsvollen Zeugnisse von Christen in aller Welt. Mit einer großen Portion Gottvertrauen schildern sie, dass im Vertrauen auf Gott vieles möglich ist. Mehr als man glaubt...
Die Texte, die wir für unser Kirchen-Thema gesammelt haben, zeigen, dass es keine einheitliche Richtung gibt, wohin die Kirche ihren Kurs steuern soll. Nicht einmal die Redaktion von "Mitten in der Welt" ist sich da einig. Aber gerade das macht es auch so spannend, wenn nämlich unterschiedliche Ausrichtungen nebeneinander stehen bleiben können. Auf den Punkt gebracht: Romtreu und romkritisch zugleich - das geht, auch wenn es manchmal schwer fällt. Denn eines zeichnet sich jetzt schon ab: Der Weg in die Zukunft der Kirche wird alles sein, nur nicht einfach.
Für die Redaktion: Bernhard Löhlein

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