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Die Zeitschrift Mitten in der Welt ist eine
Publikation der Gemeinschaften Charles de Foucauld und hat die Verbreitung der
Spiritualität Bruder Karls im deutschsprachigen Raum zum Ziel. Jedes Heft enthält Artikel zu einem Themenschwerpunkt und Berichte aus den einzelnen Gemeinschaften aus aller Welt Das Besondere und die Stärke der Zeitschrift die Themen werden nicht nur theologisch beleuchtet, vor allem äußern sich Menschen zu ihrer persönlichen Erfahrung, zu ihrem Weg mit Gott und der Welt. Sie erscheint viermal im Jahr zum Jahrespreis von 13,50 + Versandkosten, Einzelhefte kosten 3,75 + Versandkosten. Bestelladresse (auch für ältere Hefte) Bernhard Löhlein Händelstr. 57 D-85057 Ingolstadt tel. +49-(0)841-4 62 73 e-mail: bl3212@bingo-ev.de |
Editorial
Das Thema
Keiner darf verloren gehen - Ein Appell von Caritas-Präsident Peter Neher
Meinung: Die menschliche Gier - Eva Peteler,
Mitglied bei "attac", Würzburg
Charles de Foucauld damals und heute
Politisches Handeln: gängige Verhaltensmuster
ablegen
189: Erfüllter Leben ohne Gott?
188: Rassismus im Alltag
187: Kirche bewegt sich - wohin?
191: Die Welt in Gott finden
192: Dunkle Nächte der Seele
Der christliche Mystiker Johannes vom Kreuz beschreibt die innigste
Verbindung mit Gott als "dunkle Nacht". Er meint damit: Gott entzieht sich dem
Erkennen des Menschen, um ihn auf einen Weg der Läuterung und Reifung zu
bringen. Es geht darum, diese "Nacht" auszuhalten und zu durchleben, um sich
letztendlich mit Gott in Lieber zu vereinigen.
Mag diese Vorstellung eines
Mystikers aus dem 16. Jahrhundert manchem fremd erscheinen, das Durchleben und
Durchleiden der "Nächte" dürfte vielen Menschen wohlbekannt sein.
Schwermütigkeit oder gar Depression sind weit verbreitet, damals wie
heute. Auch Charles de Foucauld kannte solche dunklen Nächte. Seine Misson
bei den Muslimen blieb ohne Erfolg. Seine eigenen, hohen Erwartungen konnte er
kaum erfüllen. Erst als er bereit war, Hilfe von Fremden anzunehmen, hat
sich bei ihm etwas gelöst.
Depression sei die "Volkskrankheit Nummer
Eins", ist immer wieder in den Medien zu lesen und zu hören. Trotzdem gilt
sie im privaten Bereich oft immer noch als Tabu. In "Mitten in der Welt"
möchten wir uns offen mit dem Thema auseinandersetzen. Sie sind herzlich
eingeladen, an dieser Ausgabe mitzuarbeiten und Ihre Meinungen und Erfahrungen
einzusenden. Bitte schicken Sie Ihre Texte an Bernhard Löhlein,
Schriftleitung "Mitten in der Welt", Händelstraße 57, D - 85057
Ingolstadt. Oder per E-mail: bl3212(at)bingo-ev.de. Abgabetermin
für Heft 192 ist der 30. August 2010.
Auf der einen Seite der allmächtige Gott, auf der anderen die Welt,
die er geschaffen hat - beide voneinander getrennt. Diese Ansicht spiegelt ein
Weltbild wider, das auch bei Gläubigen anzutreffen ist. Hier und da meinen
wir, Gottes Spuren in der Welt zu entdecken. Doch um das Wesen der Welt zu
verstehen, müssen wir den Spieß umdrehen: die Welt findet nur zu
sich, wenn sie sich in Gott findet. Wir müssen versuchen, die Welt mit den
Augen Gottes zu sehen.
Auch Charles de Foucauld war zunächst ganz auf
Gott ausgerichtet. Am Ende seines Lebens hat ihn die Kontemplation dann zu den
Menschen geführt.
In "Mitten in der Welt" fragen wir: Wie nehme ich die
Welt wahr? Welche Konsequenzen ergeben sich, wenn wir die Trennung von Gott und
Welt aufheben? Verändert dies dann auch die Beziehung zu meinen
Mitmenschen?
Sie sind herzlich eingeladen, an dieser Ausgabe mitzuarbeiten
und Ihre Meinungen und Erfahrungen einzusenden. Bitte schicken Sie Ihre Texte
an Bernhard Löhlein, Schriftleitung "Mitten in der Welt",
Händelstraße 57, D - 85057 Ingolstadt. Oder per E-mail:
bl3212(at)bingo-ev.de. Abgabetermin
für Heft 191 ist der 30. Juni 2010.
Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht
für jedermanns Gier
Mahatma Gandhi
"FAIR TEILEN statt sozial spalten" - mit diesem Aufruf tritt im Vorfeld
des Ökumenischen Kirchentags in München 2010 ein Netzwerk für
einen Kurswechsel in der Wirtschafts- und Sozialpolitik ein. Ein Kurswechsel
ist in der Tat notwendig. Die Krise, in die uns der Bankencrash weltweit
geführt hat, ist die Folge einer nicht zu stillenden Sucht nach immer mehr
Kapital gewesen. Und kaum scheint die Krise in ihren ersten Ansätzen
überwunden zu sein, machen die Banken weiter, als wäre nichts
geschehen.
Die Gier nach immer mehr fängt aber nicht bei den Managern
an. Jeder von uns ist doch stets auf der Suche nach ein bisschen mehr. Hier ein
Prozent mehr Rendite, da ein Schnäppchen mehr gemacht, dort ein Euro mehr
gespart. Haben wir das rechte Maß verloren, kriegen wir denn nie genug?
Was kann der einzelne in diesem System überhaupt tun, um sich dem
Fallstrick immer größerer Begierden zu entziehen?
"Genug der
Gier!" Mit diesem provozierenden Titel wollen wir aber auch Mut machen zu einem
einfachen Lebensstil, bei dem Solidarität groß geschrieben wird.
Ganz im Sinne eines Charles de Foucauld, der uns das vorgelebt hat.
Die
vorliegende Ausgabe ist zugleich die erste in einem neuen Gewand: Klarer in der
Struktur, frischer in der Aufmachung, näher dran am Leser.
Wir
wünschen Ihnen viel Freude und gute Anregungen beim Lesen.
Bernhard
Löhlein, Schriftleiter
WIE IST DAS denn nun mit der spätrömischen Dekadenz in unserem
Land, wie ein hochrangiger Vertreter der Bundesregierung vor kurzem
diagnostiziert hat? Ist es dekadent, wenn die Politik dazu aufgefordert wird,
die Grundlagen für ein menschenwürdiges Existenzminimum zu schaffen?
Und das, weil die bisherige Berechnung der Regelsätze "freihändig"
und "ins Blaue hinein" erfolgte, wie das Bundesverfassungsgericht feststellte?
Leben wir wirklich in einer Zeit, in der Millionen von Menschen nur darauf aus
sind, sich auf die faule Haut zu legen und sich ihren Lebensunterhalt allein
vom Staat fi nanzieren zu lassen? Gleichzeitig führen wir Debatten
darüber, ob es denn rechtens ist, Steuervergehen mit allen Mitteln des
Rechtsstaates zu verfolgen! Ist es nicht eine verkehrte Welt, wenn jene, die
wohlhabend sind, nicht zu begründen haben, woher ihr Reichtum stammt,
während diejenigen sich rechtfertigen sollen, denen das Nötigste zum
Leben fehlt?
Armut hat viele Gesichter
Armut hat viele
Gesichter! Da denke ich an jenen Mann, der über 50 ist und arbeitslos und
dem niemand mehr zutraut, dass er an einem neuen Arbeitsplatz Fuß fasst;
ich denke an die Alleinerziehende, die keinen Arbeitsplatz annehmen kann, weil
sie niemanden hat, der ihr kleines Kind während der Arbeitszeiten umsorgt;
ich denke an das Kind, das am Morgen als einziges Familienmitglied in der
Schule einer geregelten Beschäftigung nachgeht und ich denke an den
Jugendlichen, der seine hundertste Bewerbung abgeschickt hat und auf die
vorausgegangenen 99 nicht einmal eine Antwort bekam. Da sind Menschen, die als
Flüchtlinge zu uns gekommen sind und noch immer keiner richtigen Arbeit
nachgehen dürfen - geduldet, ausgegrenzt und ohne Perspektive für
sich und ihre Familie in einem Land, auf das sie ihre Hoffnung gesetzt haben.
Dass das Thema Reichtum und Armut keine Randerscheinung unserer
Gesellschaft ist, belegen einige wenige Zahlen. Nach dem Armuts- und
Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2008 besitzen zehn Prozent der
Deutschen 60 Prozent des Vermögens; allein das oberste Prozent
verfügt über 23 Prozent des gesamten Vermögens. Und 27 Prozent
der erwachsenen Bevölkerung hat überhaupt kein Vermögen oder ist
verschuldet! Mehr als ein Drittel des monatlichen Gesamteinkommens in unserem
Land geht an ein Fünftel der Bevölkerung - und das seit vielen
Jahren. Über sieben Millionen Frauen und Männer leben in
Hartz-IV-Haushalten und davon mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche
unter 15 Jahren. Und die Hälfte der Hartz-IV-Empfänger ist seit mehr
als drei Jahren ohne Arbeit. Die meisten von ihnen ohne abgeschlossene Schul-
und Berufsausbildung und damit ohne genügende Qualifikation.
Diese
Frauen und Männer, Kinder und Jugendlichen leben mitten unter uns und doch
gibt es kaum Kontakte mit ihnen. In einer Studie gaben 87 Prozent der
Bevölkerung an, keinen armen Menschen im Familien- oder Freundeskreis zu
haben. 13 Prozent der Befragten gaben an, dass sie noch nie mit einem armen
Menschen Kontakt hatten. Gerade vier Prozent kennen einen wohnungslosen
Menschen. Das macht Armsein in Deutschland aus. Natürlich nicht hungern
müssen und ohne Gesundheitsversorgung wie in vielen Ländern. Armsein
in Deutschland bedeutet, ausgegrenzt und oft auch Vorurteilen ausgesetzt zu
sein. Jeder Schulausflug wird zum finanziellen Drama für die Eltern;
Kinder gehen nicht zum Kindergeburtstag, weil sie kein Geschenk mitbringen
können. Diese Lebensverhältnisse verfestigen sich und es gibt so gut
wie kein Entkommen!
Ein Gräuel für den Gott der Bibel
"
eigentlich sollte es bei dir gar keine Armen geben", so steht es im
Buch Deuteronomium (Dtn 15,4). Denn Armut und Benachteiligung sind für den
Gott der Bibel ein Gräuel. Wie ein roter Faden zieht sich diese Haltung
durch das Alte und Neue Testament. Alle Aussagen stimmen darin überein,
dass die Sklaverei der armen und benachteiligten Menschen beendet werden muss.
Die Schulden sind ihnen nachzulassen, damit sie wieder leben können. Diese
Verfügungen klingen manchmal geradezu utopisch, wenn es beispielsweise im
Buch Exodusheißt: "Sechs Jahre kannst du in deinem Land
die Ernte
einbringen; im siebten sollst du es brach liegen lassen
Die Armen in
deinem Volk sollen davon essen
" (Ex 23,10f ). Letztlich ist es immer
eine von Gott gewollte gesellschaftliche Aufgabe, die Armut aktiv zu
bekämpfen.
Der Zusammenhang ist eindeutig. Es soll keine Armen geben,
"denn der Herr wird dich reich segnen in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir
als Erbbesitz gibt und das du in Besitz nimmst" (Dtn 15,4). Gott selbst ist es
nämlich, der seinem Volk die Lebensgrundlagen schenkt. Wir alle verdanken
sie ihm und deshalb ist es für ihn unerträglich, wenn eine kleine
Gruppe für sich allein in Anspruch nimmt, was für alle gedacht ist.
Deshalb ist auch die Warnung im Jakobusbrief an jene so scharf, die für
sich defi nieren, wer zur Mitte zählt und wer zum Rand. "Noch in den
letzten Tagen sammelt ihr Schätze. Aber der Lohn der Arbeiter, die eure
Felder abgemäht haben, der Lohn, den ihr ihnen vorenthalten habt, schreit
zum Himmel; die Klagerufe derer, die eure Ernte eingebracht haben, dringen zu
den Ohren des Herrn der himmlischen Heere." (Jak 5,3f )
Ausgrenzung
überwinden
Die Enzyklika Populorum Progressio von Papst Paul VI.
greift 1967 unter Verweis auf den Kirchenvater Ambrosius diese Tradition auf.
"Es ist nicht dein Gut, mit dem du dich gegen den Armen großzügig
erweist. Du gibst ihm nur zurück, was ihm gehört. Denn du hast dir
herausgenommen, was zu gemeinsamer Nutzung gegeben ist. Die Erde ist für
alle da, nicht nur für die Reichen." Und im gemeinsamen Wort der Kirchen
von 1997 heißt es, dass die biblische Option für die Armen darauf
zielt, "Ausgrenzungen zu überwinden und alle am gesellschaftlichen Leben
zu beteiligen. Sie hält an, die Perspektive der Menschen einzunehmen, die
im Schatten des Wohlstands leben und weder sich selbst als gesellschaftliche
Gruppe bemerkbar machen können noch eine Lobby haben." Klarer und
eindeutiger geht es nicht!
Vor diesem Hintergrund können und
dürfen wir uns als Christen nicht damit abfinden, dass die Schere zwischen
denen, die materiell und mit Chancen gut ausgestattet sind und denen, die von
beidem viel zu wenig haben, immer weiter auseinander geht. Jede und jeder hat
etwas, das ihn wertvoll macht; wenn nicht materiell, so doch an Gaben, die eine
Gesellschaft reich machen. Weil niemand nichts kann, darf keiner verloren
gehen! Und deshalb darf es nicht länger sein, dass Deutschland noch
länger zu den Ländern gehört, in denen die soziale Herkunft mit
am meisten über die schulische und berufliche Zukunft eines Kindes
entscheidet. Gerade bei Eltern und Kindern in prekären
Lebensverhältnissen ist die Lust am Entdecken der Welt möglichst
früh zu wecken. Längere Zeiten gemeinsamen Lernens können dazu
ein Weg sein.
Faktisch sind Eltern die entscheidenden Bildungslotsen ihrer
Kinder. Auf diese Aufgabe werden junge Menschen in ihrer eigenen Entwicklung
aber oft nur wenig vorbereitet. Dies führt leicht zu überforderten
Familien. Immer wichtiger werden deshalb frühe Hilfen. Junge
Alleinziehende und Paare werden hier schon in der Schwangerschaft und nach der
Geburt begleitet. Sie lernen, mit ihrem Kind Kontakt aufzubauen und es zu
fördern. Denn nur wer sich selbst zu achten lernt, wird auch andere
achten!
"Die Würde der Person und die
Gerechtigkeit verlangen",
so Papst Benedikt XVI. in seiner im November 2009 erschienen Enzyklika "Caritas
in veritate", "dass
die wirtschaftlichen Entscheidungen die Unterschiede
im [Besitz]
nicht [weiter]
vergrößern und dass als
Priorität weiterhin das Ziel verfolgt wird, allen Zugang zur Arbeit zu
verschaffen und für den Erhalt ihrer Arbeitsmöglichkeit zu sorgen."
Die Schere zwischen Armen und Reichen geht immer weiter auseinander. Damit alle
Kinder die gleichen Chancen haben, müssen vor allem die Familien
gestärkt werden. Denn Arbeit bedeutet neben dem zum Leben notwendigen
Geldverdienen, das Leben selbst aktiv zu gestalten; teilhaben können an
der kulturellen Vielfalt einer Gesellschaft. Und deshalb muss es auch das Ziel
sein, dass Menschen bei aller Würdigung der zahlreich entstandenen
Tafelläden, nicht dauerhaft auf solche Hilfe angewiesen sind. Wir
dürfen nicht schuldig werden, indem wir Parallelgesellschaften aufbauen.
Gott in den Armen begegnen
Vor dem Hintergrund unserer
Gesellschaft und der biblischen wie kirchlichen Tradition ist der Einsatz der
Kirche gegen Armut und soziale Ausgrenzung ein Gebot der Stunde. Wer das mit
spätrömischer Dekadenz umschreibt, ist unanständig. "[Denn] wer
bei Gott eintaucht, taucht bei den Armen auf." Dieser Satz des Theologen Paul
Michael Zulehner gilt auch umgekehrt. Wer den Armen begegnet, begegnet Gott!
Oder wie Papst Benedikt XVI. es in seiner Enzyklika "Deus Caritas est"
formuliert, wird "fühlsam Gott gegenüber", entdeckt Gott in den
Armen. Das ist Auftrag und Ermutigung zugleich.
Prälat Dr. Peter Neher
gelernter Bankkaufmann, katholischer Priester, Mitglied der
Priestergemeinschaft Charles de Foucauld und promovierter Theologe, seit 2003
Präsident des Deutschen Caritasverbandes
"ER WAR EINMAL unvorstellbar schön, man nannte ihn den blauen
Planeten, ein Juwel des Universums"; seufzt der Lehrer. Die Schüler
starren auf ihre Monitore und schütteln ungläubig den Kopf. "Dann
aber eroberte eine ganz eigene Art nach und nach alle Lebensräume dieses
Planeten. Über Jahrtausende war diese Art ein Teil des harmonischen Ganzen
und fügte sich in die Gesetze und Abläufe der Natur ein. Irgendwann
geriet sie jedoch außer Kontrolle. Die tödliche Schwachstelle des
genialen Intellekts dieser Art, das war die vernichtende Saat der GIER in ihrem
Wesen. Wie ein zerstörerisches Virus breitete sie sich bei vielen aus und
entfesselte schließlich eine Katastrophe. Danach war auf diesem
wunderbaren Planeten Erde nichts mehr wie zuvor - für alle."
"G-I-E-R??", richten sich die erstaunten Augen der Schüler auf den
Lehrer.
"Gier bedeutet, sich niemals zufrieden zu geben mit dem, was man
hat und was man ist. Immer misst man sich am anderen; einer ist immer reicher,
mächtiger, schöner, angesehener, beliebter... Die Gier wird niemals
satt und schreit unablässig: Mehr, mehr, mehr! Trotz ihrer
Überlegenheit also hatte diese Spezies wohl einen für den ganzen
Planeten todbringenden Defekt. Schade!"
So oder ähnlich
könnte eine Geschichtsstunde irgendwo im Universum des dritten
Jahrtausends unserer Zeitrechnung beginnen.
Wir kultivieren die Gier
Wir sehen die Zeichen, wir deuten sie - und halten dennoch verbissen an
unserem Lebensstil fest. Ja, wir leben über unsere Verhältnisse, wir
plündern den Planeten für unseren hohen Lebensstandard, aber wir
weigern uns beharrlich, die Verantwortung dafür zu übernehmen.
Gehört es nicht zur ersten Bürgerpfl icht, eine kultivierte Gier zu
zelebrieren und dem Mantra des "Konsum bringt Wachstum, bringt Wohlstand,
bringt Glück" zu folgen?
Das bedrohlichste aller Hauptlaster, die
Gier, war schon immer da, seit der Mensch gelernt hat, sich an dem
euphorisierenden Gefühl der Überlegenheit über den Mitmenschen
zu berauschen. Seit er die Pfade der Genügsamkeit verlassen hat und seit
Stärke, Begabung, Besitz nicht mehr als Verpflichtung und Beitrag zum
kollektiven Wohl verstanden werden, wurde die Gier zur Tugend der Dominanz und
des Erfolges geadelt. Zur grenzenlosen, entfesselten Hochkultur haben sie
allerdings erst die letzten Jahrzehnte gebracht.
Sie und ich werden es
entrüstet von sich weisen, Täter dieses Lasters zu sein. Das sind
immer die anderen, die Entscheidungsträger, die Politik, die Konzerne. Und
dennoch können sich die wenigsten von uns freisprechen, wenn sie sich und
den eigenen Lebensstil dem Gedanken von Epikur stellen:
"Nichts genügt
demjenigen, dem das, was genügt, zu wenig ist."
Was "genügt" denn
zu einem guten Leben? Was "genügt" mir?
Ist das Mehr an Haben oder
Darstellen auch ein Mehr an erfülltem Sein?
"Bevor man etwas brennend
begehrt, sollte man das Glück dessen prüfen, der es bereits besitzt",
hat es Francois de La Rochefoucauld klug formuliert.
Höre auf
die Stimme deiner Sehnsucht
"Die Gier ist immer das Ergebnis einer
inneren Leere", so Erich Fromm, mithin "der seelische Antrieb zur Behebung
eines Mangelerlebens" (Wikipedia). Unser ungezügeltes,
unmäßiges Verlangen nach Erfolg, Ansehen, Macht, Besitz, Konsum,
Jugend, Beliebtheit etc. entlarvt uns also als Mängelwesen, als Opfer
einer ungestillten Sehnsucht?
Ja, Mensch, halte die Stille aus und horche
der Stimme dieser tiefsten Sehnsucht. Du erkennst schmerzlich, wie die heutige
Art zu leben die Entfremdung von deinen heilsamen Lebensgrundlagen beschleunigt
und in der Tat eine unerträgliche Leere entblößt.
Wir
leiden Mangel, wir verdursten und verhungern, weil wir unsere Wurzeln gekappt
haben und sie zusammen mit den Tugenden der Demut, Einfachheit,
Solidarität und Gerechtigkeit entsorgt haben auf der Müllhalde
"Fortschritts"-feindlicher Nostalgie.
Warum folgen wir willenlos den
Lockrufen und den Maßstäben des "Zeitgeistes"? Wir füllen
unseren heilbringenden Platz auf dieser Erde nicht aus und verstecken uns
hinter rechtfertigenden Hinweisen auf unsere Ohnmacht. Wir beten nicht um die
Quelle, die unsere Wurzeln wieder speist und sie zum Leben erweckt.
In
Stein gemeißelt sind nicht mehr die universal gültigen Gebote
Gottes, die ein gelingendes Zusammenleben aller auf diesem Planeten
möglich machen könnten, sondern die Gesetze des Marktes, also des
Gewinns, des Wettbewerbs und der Effi zienz. Der Wert des Individuums bemisst
sich an seiner Verwertbarkeit als "Humankapital".
Das Goldene Kalb Mammon
hat viele Kinder zur Welt gebracht: Ihre Namen sind Wachstum, Konsum,
Märkte und viele mehr. Die Herde wächst; wer wird sie im Zaum halten?
Denn über Futter verfügt sie reichlich. Es sind die ungezügelte
Gier, die Begehrlichkeiten des globalen Zugriffs auf Profit und Macht.
Milliarden von Mitmenschen, die um nichts anderes kämpfen, als ihre
Familie diesen einen Tag durchzubringen, sind die ersten unschuldigen Opfer -
und letztlich wir alle.
"Die Welt hat genug für jedermanns
Bedürfnisse, aber nicht genug für jedermanns Gier", schreibt der
törichten Menschheit Mahatma Gandhi ins Stammbuch. Und eine Prophezeiung
der Cree an die Adresse des weißen Mannes lautet: "Erst wenn der letzte
Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet
ihr erkennen, dass man Geld nicht essen kann."
Aufbruch zu einer
guten Zukunft
Es ist noch nicht zu spät. Überall auf der Welt
formiert sich der Gegenentwurf einer zukunftsfähigen, solidarischen
zivilen Gesellschaft. Denn der "kleine Mann" ist mitnichten schwach und
machtlos, wenn er sich dazu nicht machen lässt. Nicht als Vasall der
Begierden und der Manipulation im eigenen Leben und auch nicht als Dulder und
Abnicker der großen globalisierten Gier.
"Viele kleine Menschen an
vielen kleinen Orten können mit vielen kleinen Schritten das Angesicht der
Erde verändern", lautet ein afrikanisches Sprichwort. Wir stehen an einer
für die ganze Schöpfung entscheidenden Zeitenwende. Wir können
weiter weg schauen und zulassen, dass die tödliche Be-gierde ihr Werk
vollendet oder wir können uns, jeder mit seinen Begabungen und seiner
Bestimmung, gemeinsam auf den Weg der wirklichen Be-fried(ig)ung unseres
Mangels, unserer Sehnsucht machen. Es wäre zugleich auch ein Aufbruch zur
Wiedergewinnung unserer Selbstbestimmung und Würde - und zu einer guten
Zukunft für alle.
Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was
wir tun, sondern auch für das, was wir widerstandslos hinnehmen. Es liegt
an uns, an jedem von uns.
Eva Peteler
Mitglied bei "attac",
Würzburg
DAS THEMA erweckt bei mir - wen wundert es angesichts der derzeitigen
Finanz- und Wirtschaftskrise - hauptsächlich politische Assoziationen.
Als erstes fallen mir die Aussagen unserer Bundeskanzlerin und unseres
Bundespräsidenten ein, die wiederholt behauptet haben, dass wir alle (!)
über unsere Verhältnisse gelebt haben. Das ärgert mich
maßlos, weil damit alle zu Verursachern der Krise gemacht werden. Als ob
alle fröhlich mit ihrem Geld an den Börsen oder sonst wo spekuliert
haben. Ein kritisches Hinterfragen der eigenen Politik der letzten Jahre
(Deregulierung, Privatisierung, Liberalisierung in der Wirtschaft, einseitiges
Fixieren auf die Exportweltmeisterschaft unter Vernachlässigung des
Binnenmarktes, Stagnation der Gehälter, Einführung von Leiharbeit und
Niedriglohn-Jobs, Absenkung des Rentenniveaus, Erhöhung der Mehrwertsteuer
usw.) wird damit elegant umgangen. Darüber hinaus wird damit von der Frage
abgelenkt, ob dieses Wirtschaftssystem noch sozial und menschenfreundlich ist.
Die "Systemfrage" bleibt also hübsch außen vor.
Zweitens sollte
auch nicht vergessen werden, dass durch die oben genannten politischen
Entscheidungen die Menschen immer mehr gezwungen werden, auf den Cent zu
schauen bzw. ihr Geld rentabel anzulegen, weil der Sozialstaat immer weniger
ein ausreichendes Auskommen gewährleisten kann. Da kann man es doch keinem
verdenken, wenn er sein Geld möglichst gut anlegen will. Zahlreiche
Statistiken zum Thema "Verteilung der Vermögen in Deutschland" weisen
außerdem aus, dass ein Großteil der Bevölkerung gar keine
nennenswerten Rücklagen bilden kann, weil das Geld nicht ausreicht.
Auch wir müssen knapsen
Schaue ich meine Situation an,
so wird mir deutlich, dass wir in einer vierköpfigen Familie mit einem
Verdienst in vielen Punkten auch knapsen und "gierig" sein müssen, weil
wir sonst nicht gut über die Runden kommen. Auch wenn ich momentan einen
sicheren Arbeitsplatz habe, hatten wir doch in den letzten Jahren kaum mehr
Geld zur Verfügung, da - wie bekannt - die realen Verdienste der
Arbeitnehmer nicht nennenswert gestiegen sind. Außerdem wurde in unserer
Firma durchgesetzt, dass die Mitarbeiter auf einen Teil ihres Lohnes
verzichten, um wettbewerbsfähig zu sein. Da kann ich nicht wie früher
immer wieder fair gehandelte Waren oder Bioartikel kaufen. Das geht dann nur im
begrenzten Ausmaß.
In den letzten Jahren bin ich durch das
regelmäßige Lesen verschiedener Internetseiten wie
www.nachdenkseiten.de oder www.jjahnke.net "politisch aufgewacht", das
heißt, ich habe immer mehr gemerkt, was alles bei uns in Deutschland
schief läuft und nur dazu dient, Einzelinteressen zu bedienen bzw. das
bestehende System zu stabilisieren, bei dem einige wenige gut auf Kosten vieler
leben. Ich stelle zudem immer mehr fest, dass viele Menschen resignieren und
dass das Interesse an Politik abnimmt, weil der Eindruck entsteht, man
könne doch nichts ändern.
Um wenigstens etwas zu tun, bin ich der
Ökologisch-Demokratischen Partei (ödp) beigetreten. Diese Partei ist
- abgesehen von Bayern - bisher ohne großen politischen Einfluss. Mir
gefällt aber an dieser Partei, dass sie gerade im Wirtschaftsbereich
versucht, von der Fixierung auf das reine quantitative Wachstum abzukommen und
ein qualitatives Wachstum anzustreben. Außerdem hat sie die
ökologische-soziale Marktwirtschaft zum Ziel. Die anderen Parteien kommen
für mich nicht infrage, da sie ja - mit Ausnahme der Linken - an der
jetzigen Situation ihren Anteil haben und ich den Eindruck habe, dass dort
nicht viel zu bewegen ist. Meine Hoffnung ist, dass auch kleine Parteien
Einfluss auf die politische Gestaltung unseres Landes nehmen können, wenn
sich nur genug Menschen auf die Suche nach Alternativen machen und ihre
Resignation und Lähmung überwinden.
Mir ist bewusst, dass das
nicht ausreicht und dass es noch andere Ansätze und Veränderungen
braucht. Eigentlich muss auch neu darüber nachgedacht werden, ob ein
System, das immer mehr Wachstum benötigt, um zu funktionieren,
überhaupt zukunftstauglich ist, und wie Alternativen aussehen. Ich selbst
habe noch keine endgültigen Antworten. Wichtig ist für mich, sich auf
die Suche zu machen und nicht "hinter dem Ofen sitzen zu bleiben".
Ich erwarte neue Formen der Solidarität
Übrigens
kann politisches Handeln auch so aussehen, dass man sich den gängigen
Verhaltensmustern (z.B. immer und überall nur Konkurrenten zu sehen)
entzieht und alternative Formen des Umgangs miteinander ausprobiert. Dazu muss
man sich nicht in einer Partei engagieren.
Von den Kirchen erwarte ich,
dass sie neue Formen der Solidarität anmahnen und leben und nicht wie "ein
stummer Hund" zu allen diesen Entwicklungen schweigen. Wir als Freunde von
Charles de Foucauld sollten wie er für die Schwachen und Benachteiligten
eintreten und versuchen, ihre Realität soweit es geht an uns herankommen
zu lassen und diese mit ihnen zu teilen. In Zeiten, in denen immer wieder
versucht wird, die einzelnen gesellschaftlichen Gruppen gegeneinander
auszuspielen (Arbeitslose gegen Arbeitsplatzbesitzer, Jung gegen Alt, Kranke
gegen Gesunde) sollten wir als Christen ein waches Gespür für
Gerechtigkeit und Anteilnahme haben. Daraus können dann - von Gottes Geist
geführt - neue Aufbrüche geschehen, die das "Antlitz der Erde
erneuern".
Ludger Fest
Bibliothekar in Mannheim, regelmäßiger
Gast der Gemeinschaft Charles de Foucauld im Bistum Speyer
Gott schuf den Menschen als sein Abbild
( Gen 1, 27 )
Ein Jahr lang war der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff
wieder einmal mit versteckter Kamera unterwegs. Verkleidet als Farbiger wollte
er herausfinden, wie es sich als Schwarzer in Deutschland lebt, ob die
Vorstellung vom unverbesserlich fremdenfeindlichen deutschen Wesen
tatsächlich nur ein Klischee ist. Sein Fazit: "Der alltägliche
Rassismus gehört zum deutschen Alltag fast so wie die rassistisch
anmutenden Aussprüche von Politikern und selbst ernannten
Meinungsführern, die mich immer wieder empört haben."
Die Idee,
in eine fremde Haut zu schlüpfen, ist nicht neu: Schon vor über 100
Jahren tarnte sich Charles de Foucauld als Jude, um das damals für
Christen unzugängliche Marokko zu erforschen. Auch er erfuhr am eigenen
Leib, was es heißt, nur aufgrund seiner Volkszugehörigkeit, seiner
Sprache oder seines Aussehens von anderen Menschen verachtet zu werden. Daran
hat sich bis heute nichts geändert - weltweit und auch im
deutschsprachigen Raum nicht.
So besuchte im Jahr 2009 der
Sonderberichterstatter zu Rassismus der Vereinten Nationen, Githu Muigai,
Deutschland und bemängelte bei Politik und Gesellschaft Defizite im Kampf
gegen den Alltagsrassismus. In Deutschland werde immer noch Rassismus mit
Rechtsextremismus gleichgesetzt und damit nicht ausreichend wahrgenommen. Ein
ausführlicher Bericht soll 2010 vorgestellt werden.
So lange
müssen Sie nicht warten: Ausführliche persönliche Berichte
können Sie schon in den vorliegenden Texten nachlesen. Sie zeigen:
Alltagsrassismus ist bei uns an der Tagesordnung. Versteckt, mitunter
unbewusst, aber immer doch für die Betroffenen spürbar. Um sich
dessen bewusst zu werden, müsste man tatsächlich einmal einen Tag
lang "in den Schuhen eines anderen gehen". Vieles würden wir dann anders
sehen und beurteilen.
Für die Redaktion: Bernhard Löhlein
Fürchte dich nicht, du kleine Herde!
( Lk 22, 32 )
Wohin steuert das "Schiff Kirche?" Eine Frage, die in diesen Tagen
aktueller denn je ist. Viele Gläubige in Deutschland sind unsicher
geworden, welchen Stellenwert das 2. Vatikanische Konzil noch hat. Sie
befürchten eine "Rückwärtsgang" der Kirchenspitze, nicht zuletzt
wegen der bedingungslosen Aufnahme von Gesprächen mit der
Piusbruderschaft. Eine Reihe von deutschsprachigen Theologen hatte deshalb in
einer Petition die uneingeschränkte Anerkennung des Konzils gefordert.
Über 54.000 Menschen aller Kontinente haben das Ansuchen inzwischen
unterzeichnet. Doch die vatikanische Glaubenskongregation ist bisher nicht
bereit, Petition und Unterschriften entgegenzunehmen. "Muss sie auch nicht",
meint dazu der Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Der zweite Mann im
Vatikan betont, dass Papst Benedikt XVI. fest hinter dem Konzil stehe. Gut zu
wissen, aber die letzten Zweifel sind damit nicht vom Tisch.
Doch das ist
keineswegs die einzige "Baustelle" des immer weiter zu renovierenden
Kirchenschiffes. Einige Schlagworte: Der längst nicht mehr nur
schleichende Auszug aus der Kirche, die sinkende Zahl von
Gottesdienstbesuchern, die große Suchbewegung an der etablierten Kirche
vorbei. Da könnte einem angst und bange werden, gäbe es da nicht
ebenso die hoffnungsvollen Zeugnisse von Christen in aller Welt. Mit einer
großen Portion Gottvertrauen schildern sie, dass im Vertrauen auf Gott
vieles möglich ist. Mehr als man glaubt...
Die Texte, die wir für
unser Kirchen-Thema gesammelt haben, zeigen, dass es keine einheitliche
Richtung gibt, wohin die Kirche ihren Kurs steuern soll. Nicht einmal die
Redaktion von "Mitten in der Welt" ist sich da einig. Aber gerade das macht es
auch so spannend, wenn nämlich unterschiedliche Ausrichtungen
nebeneinander stehen bleiben können. Auf den Punkt gebracht: Romtreu und
romkritisch zugleich - das geht, auch wenn es manchmal schwer fällt. Denn
eines zeichnet sich jetzt schon ab: Der Weg in die Zukunft der Kirche wird
alles sein, nur nicht einfach.
Für die Redaktion: Bernhard
Löhlein